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Das Popup Paradigma - Stadtentwicklung und Einzelhandel im Zeitalter der Digitalisierung

27. Juni 2019 | 15:56 Autor: Roland Seeger - NTB FOLIO | Anzeige Vorarlberg, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz

Für ein, zwei Wochen am Paradeplatz oder Hauptbahnhof in Zürich seine Produkte präsentieren. Welcher Unternehmer träumt nicht davon? Meist scheitert es an den horrenden Mietkosten. Anderseits gibt es auch Lokale an bester Lage, welche zeitweise leer stehen oder Fläche zur Verfügung stellen könnten.

Der Online-Handel sowie grosse Einkaufszentren an der Peripherie haben einen überwiegend negativen Einfluss auf den Einzelhandel. Im Jahr 2018 wurden von den 200 grössten Ketten im Bereich «Non-Food» insgesamt 541 Filialen geschlossen, während nur 170 neu geöffnet wurden. Dies geht aus den neuesten Zahlen des Retail Atlas Schweiz hervor.

Leerstehende Ladenflächen in den Innenstädten sind eine direkte Folge. Unter leerstehenden Geschäften leiden auch gut laufende Unternehmen in der direkten Umgebung. Immer mehr Städte und Kommunen haben dieses Problem erkannt und ergreifen entsprechende Massnahmen. So hat beispielsweise die Stadt St.Gallen das Konzept «Zukunft St.Galler Innenstadt» entwickelt. Dabei wird mit insgesamt zehn Massnahmenfeldern versucht, dem Strukturwandel und dem veränderten Einkaufsverhalten zu begegnen. Ein Element ist dabei das Projekt «Pop Up City».

Temporäre Zwischennutzung: Pop-up-Shops
In dem von der InnoSuisse mitfinanzierten Projekt untersuchen die FHS St.Gallen und die NTB Buchs, inwieweit Pop-up-Shops als Instrument nachhaltiger Stadtentwicklung dienen können. Die Idee hinter Pop-up-Shops ist die kurzfristige kommerzielle Nutzung einer Ladenfläche, wobei unterschiedliche Geschäftsmodelle existieren: Neben dem klassischen Abverkauf können Firmen mit Pop-ups neue Geschäftsmodelle ausprobieren, neue Produkte lancieren oder den physischen Kontakt zu ihren Kunden pflegen. Pop-ups sind auch bei Restaurants oder im kulturellen Bereich beliebt. Typische Zeitintervalle für diese Art der Zwischennutzung liegen zwischen einem Tag und wenigen Monaten.

«Künstliche Intelligenz ermöglicht es, neue Konzepte zu entdecken, die dem klassischen Einzelhandel eine Zukunft in einer digitalisierten Welt sichern.»

Digitalen mit realem Einkauf verbinden
Kleine Unternehmen profitieren von einer zumindest temporären Präsenz an bester Lage. Primäres Ziel von grossen Unternehmen ist jedoch nicht nur der Zusatzverkauf während weniger Wochen, sondern auch eine Marke oder ein Unternehmen in den Köpfen der Konsumenten zu verankern bzw. greifbar zu machen. Das Personal des Shops kann auch Marktforschung betreiben, indem es mit den Kunden über Produkte und ihre Wünsche diskutiert. Auch ganz grosse Namen des Onlinehandels wie Digitec Galaxus, Amazon oder Zalando richten physische Shops ein, um sich in der realen Welt zu präsentieren. Gemäss Zahlen des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI betreibt jeder zweite der 1000 grössten Onlinehändler inzwischen einen physischen Shop, darunter regelmässig auch Pop-up-Shops.

Mit künstlicher Intelligenz zum optimalen Matching
Ziel des Projektes «Pop Up City» ist es, Verfahren und Abläufe zu entwickeln, die Durchführungen von Pop-up-Verkäufen sowohl für Mieter als auch für Vermieter möglichst niederschwellig und einfach gestalten. Umsetzungspartner im Projekt ist die Plattform www.popupshops.com. Sie vermittelt die Geschäftslokale zur Zwischennutzung online an interessierte Mieter. Mit den Städten St.Gallen und Zürich sind weitere Partner an Bord, mit deren Hilfe die Effektivität der Massnahmen gemessen wird.

Das Projekt vereinfacht die Bewilligungsprozesse und automatisiert die Vertragsabschlüsse rund um die Zwischennutzung. Dies soll bei Mietern und Vermietern gleichermassen die Bereitschaft zur kurzfristigen Zwischennutzung steigern. Zudem werden während des zweijährigen Projektes potenzielle Vermieter in Zürich und St.Gallen vom Projektteam wissenschaftlich begleitet.

Das Institut für Computational Engineering (ICE) der NTB Buchs ist dabei für das intelligente Matching von interessierten Mietern und verfügbaren Flächen verantwortlich. Für jede Anfrage auf der Plattform www.popupshops.com werden optimale Flächen basierend auf einem «Recommender System » vorgeschlagen. Das System arbeitet datenbasiert, wobei unterschiedliche Datenquellen zusammengeführt und zur Bewertung der verfügbaren Standorte verarbeitet werden. Neben demographischen Kennzahlen werden Daten zu Passantenfrequenz, verfügbarer Infrastruktur etc. analysiert und massgeschneidert für den jeweiligen Interessenten zu einem Attraktivitätsindex verarbeitet. «Die Herausforderung dabei ist unter anderem die grosse Heterogenität der Daten. Sie liegen in unterschiedlicher Zeit- und Ortsauflösung vor. Jede Stadt hat zudem ihr eigenes Datenformat und individuelle Zugangsrichtlinien», erklärt Prof. Dr. Klaus Frick, Teilprojektleiter am ICE. Ein einheitliches Datenformat und eine automatische Verarbeitungskette stellen ein grosses Projektziel dar. In einem weiteren Schritt soll über ein Bewertungssystem das Matching sukzessive verbessert werden. «Neben den interessanten Data-Analytics-Aspekten liegt der grosse Reiz im Projekt darin, einen Beitrag zur Stadtentwicklung und zur Förderung des Einzelhandels zu leisten», fährt Frick fort. «Künstliche Intelligenz ermöglicht es, neue Konzepte zu entdecken, die dem klassischen Einzelhandel eine Zukunft in einer digitalisierten Welt sichern.»

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